China setzt beim Wein auf Preis statt Prestige

Als in China vor wenigen Jahrzehnten die ersten französischen Bordeaux-Flaschen auf den Tisch kamen, war das mehr als ein Getränk: Wein wurde zum Statuszeichen - ein Stück Frankreich und im weiteren Sinne auch Europa im Glas. "Für die junge Generation der Jahrtausendwende stellte der Wein ein Fenster nach Europa dar", sagt der französische Wirtschaftsjournalist Benoist Simmat, Autor mehrerer Bücher zur politischen und ökonomischen Dimension der Weinwirtschaft, im DW-Gespräch. Die Faszination speiste sich aus wachsendem Wohlstand, Reiseerfahrung und dem Wunsch nach kultureller Sichtbarkeit. Wein stand für Bildung, Eleganz, Lebenskunst.

Doch die Bilder haben Risse bekommen. Die Weinimporte Chinas sind 2025 um rund 21 Prozent eingebrochen, berichtet das Fachmagazin Vinetur im Januar 2026. Zugleich verschiebt sich der Konsum: In China herrsche weniger Prestigedenken. Stattdessen achteten die Menschen mehr auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis und heimische Alternativen, berichtet die South China Morning Post (SCMP). 

"Die Konsumenten sind nüchterner geworden", sagt Simmat. "Das bedeutet nicht das Ende der Begeisterung, wohl aber ein Ende der Sorglosigkeit." Da sich Chinas Wirtschaftswachstum verlangsamt, versuchten Verbraucher, Ausgaben zu senken - teurer Importwein sei dafür ein naheliegender Ansatzpunkt, schreibt die SCMP in ihrem Report. 

Der internationale Weinmarkt gerät unter DruckBild: CFOTO/picture alliance

Weinanbau in China

Die Gegenbewegung zum Import ist die heimische Produktion. China war nicht für seine eigenen Weinreben bekannt. Im Reich der Mitte werden je nach Regionen hochprozentige Schnäpse gerne getrunken. Regionen wie Ningxia oder Shandong investieren massiv in Weinberge und Kellereitechnik. Chinesische Unternehmen engagieren internationale Önologen. Häuser wie Chateau Changyu-Moser XV arbeiten mit Spitzenwinzern zusammen. Bei der Branchenauszeichnung Decanter World Wine Awards 2025 errangen chinesische Weine Spitzenplatzierungen, für das Fachmagazin Decanter ein Zeichen wachsender Qualität.

"Die Chinesen wollen nicht nur kaufen. Sie wollen verstehen, produzieren, sich ein eigenes Bild machen", sagt Johann Fuhrmann, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Peking, im DW-Interview.

Auswahl lokaler Weine aus der Autonomen Region XinjiangBild: Zhang Xiaocheng/Xinhua/picture alliance

Die Praxis, Teeproben neben Weinverkostungen anzubieten, gilt als symbolische Brücke zwischen Tradition und neuem Genuss. Einige frühere chinesische Besitzer französischer Weingüter etablierten solche Formate als Bekenntnis zu kulturellem Multikulti auf dem Esstisch.

Abgekühlte Weingut-Romantik

In den 2010er-Jahren erwarben chinesische Investoren zahlreiche Weingüter im renommiertesten Weinbaugebiet Frankreich wie Bordeaux und anderswo. Viele Käufe waren spektakulär, doch nicht immer rentabel. Inzwischen kommt es zu Rückverkäufen und Angeboten - und das bei gewaltigen Preisnachlässen, wie das online-Magazin Wein.plus berichtet.

"Die Phase des großflächigen Aufkaufs ist vorbei", sagt Fuhrmann. "Viele Anleger haben gelernt, dass ein Schloss im Bordelais keine sichere Geldmaschine ist." Trotzdem habe diese Phase Spuren hinterlassen: Begegnungen, Feste, Austausch und neue touristische Verbindungen.

Ein altes Weingut in Saint Emilion. Saint-Emilion ist eines der wichtigsten Rotweingebiete von Bordeaux, die Weine von Saint-Emilion werden auf der ganzen Welt verkauft. Bereits 1999 wurden die Stadt und das umliegende Weinanbaugebiet zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärtBild: Stephan Schulz/dpa/picture alliance

Gewinner und Verlierer

China bleibt für europäische Winzer als Umsatzmarkt relevant, aber volatil. Chinas Import von Weinen 2025 sank zwar um rund 21 Prozent, wie Vinetur im Januar berichtet. Doch ein Weinland wie  Deutschland konnte seine Exporte nach China zwischen 2020 und 2025 um 34 Prozent steigern. 2025 gingen rund fünf Millionen Liter aus den Täler an Rhein und Mosel dorthin, meldet das Magazin Wines of Germany.

Diese Verschiebungen spielen sich vor dem Hintergrund eines schrumpfenden Weltmarktes ab: Der globale Weinverbrauch fiel 2024 auf etwa 21,4 Milliarden Liter - laut South China Morning Post unter Berufung auf die Internationale Organisation für Reben und Weine (OIV) der niedrigste Stand seit den 1960er-Jahren. 

Französische Winzer unter Druck

04:46

Wein als Softpower: Absicht oder Nebenwirkung?

Wein fungiert in China nicht nur als Handelsgut, sondern als Instrument kultureller Präsenz. Es gibt keine offizielle "Weinstrategie", wohl aber Softpower durch Investitionen in Regionen wie Ningxia, Kooperationen mit europäischen Winzern, internationale Wettbewerbe und Tourismusmarken. Das stärkt das Image, schafft Verflechtungen und bietet Chancen zum Dialog.

"Wein ist in den chinesisch-französischen Beziehungen ein Kommunikationsmittel", sagt Simmat. "Er steht für Eleganz, Bildung und Internationalität - Eigenschaften, die China in seiner globalen Positionierung betont." So verstanden stellt Wein so einen kulturellen Kontaktkanal dar. Der läuft über Tourismus, gemeinsame Feste oder internationale Messen.

Politisch wirkt das auf mehreren Ebenen: wirtschaftliche Impulse für Weinbaugebiete, engere Handelsbeziehungen, symbolisches Prestige. Wein dient zudem als Geschenk und subtiler diplomatischer Kanal.

"China benutzt Wein nicht wie eine Pistole, sondern wie eine Einladung an den Tisch", sagt Fuhrmann. "Das ist weicher - und zugleich sicherlich effektiver, um miteinander ins Gespräch zu kommen." Chinesische Bankettsäle gelten seit immer als ein Ort für Freundschaft, Deals und Verträge. "Letztlich erzählt der Wein eine Geschichte des Austauschs", ergänzt Simmat. "Und Austausch ist selten linear. Er schwankt - aber er endet nicht."

In vino veritas: Im Wein liegt eben die Wahrheit.

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